motoko dobashi

Text

Text für Katalog vom Förderpreis der Landeshauptstadt München 2009

Patricia Drück
April 2009

Die Werke der in Japan geborenen Künstlerin Motoko Dobashi bewegen sich im Spannungsfeld von Malerei, Grafik, Collage und Installation. Neben Zeichnungen und Gemälden in unterschiedlichen Formaten sind in letzter Zeit vor allem raumgreifende und ortsspezifische Wandarbeiten entstanden, die sich spielerisch mit der Dichotomie von romantischer Einfühlung in die Natur und zivilisatorischer Entfremdung auseinandersetzen. So wächst in labyrinth (2008) eindrucksvoll der Architekturprospekt einer phantastischen Kathedrale aus einer schematisierten Landschaft hervor, die als Fragment förmlich die Gedankenwelt der Romantik heraufzubeschwören scheint. Der Blick des Betrachters wird in ein Kirchenschiff gesogen, das sich aus vegetabilen Elementen emporrankt und von zarten Wölkchen umgeben ist. Kleine, in altmeisterlich zentralperspektivischer Lineatur gestaltete Quadrate durchqueren die Komposition wie kleine außerirdische Flugobjekte und werden aus dem Bildraum herausgeschleudert. In shelter (2008) hingegen gießt sich dem Betrachter ein Sturzbach entgegen, der mit würfelförmigen Kuben und signetartigen runden Formen die Surrogate der Zivilisation mitschwemmt. Er entspringt einem fernen, baumgekrönten und geheimnisvollen Gebirge, das an den Faltenwurf dürerzeitlicher Graphik erinnert und rhythmisch von einem stilisierten Wellenmeer hinterfangen ist. In anderer Form greift garden (2009) das Thema der kultivierten, aber vom Betrachter entrückten, menschenleeren Landschaft in Form eines berg- und wolkenumflorten Paradiesgärtleins auf.

 

Die fragilen Welten Dobashis sind von einer Monochromie in bläulichen, grünlichen oder grauen Tönen geprägt. Im Zusammenspiel mit den unterschiedlichen Oberflächenstrukturen lässt die Farbgebung an längst vergangene druckgraphische Erzeugnisse denken, verweigert gleichzeitig aber auch die Ineinssetzung mit der naturgetreuen Wiedergabe von Wirklichkeit. Nicht zuletzt schlagen die Kompositionen den Betrachter auch durch ihre Dynamik im Raum und durch den Einsatz ungewohnter Perspektiven in ihren Bann. Bauschige Wolkenformen, sich zu Gebirgen auftürmende Faltenwürfe sowie schematisierte, von logoartigen Gebilden durchzogene Landschaften sind wiederkehrende Elemente, die der Realität enthobene, phantastische Räume schaffen. Diese suggerieren zwar Dreidimensionalität und ziehen den Betrachter ins Bildgeschehen, das durch die abstrahierte Form- und Farbgebung aber gleichzeitig auch märchenhaft und irreal wirkt.

Es sind fiktive, beinahe utopische Architekturen und erfundene Naturansichten, die die Bilderwelten der digitalen Medien und neue Raumerfahrungen der Gegenwart ebenso zu integrieren vermögen wie die Welt der Signets und der Werbung. Ebenso ungewöhnlich ist der spielerische Umgang der Künstlerin mit dem Repertoire der Kunstgeschichte. Bei der Zusammenführung verschiedener Realitäten entzündet sich nicht nur der bereits von Max Ernst ins Bild gebrachte „Funke Poesie“. Auch der Topos der Landschaft im Sinne einer romantischen Sehnsucht nach inniger Einfühlung in die Natur wird revidiert - ging es doch bereits in der Romantik nicht um eine getreue, objektive Wiedergabe der Naturerscheinungen, sondern um die Spiegelungen der Natur im eigenen Innern, im persönlichen Empfinden. Es sind diese introspektiven Zustände, die die Landschaft im Sinne von Caspar David Friedrich charakterisieren und „Seelenzustände“ wiedergeben, die über das augenscheinlich sichtbare hinausgehen. Die Natur erhält symbolischen Charakter; sie weist über sich selbst, über das sinnlich Erfahrbare hinaus.

Dobashis Arbeiten thematisieren das Verhältnis des modernen westlich geprägten Menschen zur Natur, das im Surrogat die Kompensation für einen erlittenen Verlust sucht. Es sind artifizielle Natur-Refugien mit technoidem Charme, die hier den Betrachter in den Bann ziehen. Was sie jedoch so einzigartig macht, ist die gleichermaßen subtile wie harmonische Zusammenführung von europäischer Kunst mit dem eigenen kulturellen japanischen Hintergrund: Motoko Dobashi schöpft dabei aus dem visuellen Fundus der kürzelhaften, graphischen Bildsprache japanischer Mangas und den virtuellen Welten der Computer-Spiele. Die fließende Linienführung sowie die Multiperspektivität verweist aber zugleich auch auf das Erbe des traditionellen japanischen Farbholzschnitts. Spürbar ist ebenfalls immer wieder die Auseinandersetzung mit der Formenwelt altdeutscher Meister wie Albrecht Dürer oder Albrecht Altdorfer. Wolkige Farbflächen und gestischer Duktus treffen auf graphische Linienführung und logoartigen Konstrukte, die deutlich inspiriert sind von der Ästhetik der Medien.

Motoko Dobashi ist Teil einer Generation von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die die Kunstgeschichte und ihre visuellen Ereignisse ganz selbstverständlich adaptieren. Strategien der Aneignung und Zersetzung oder Fragestellungen der Moderne, die ihren Niederschlag beispielsweise in der Autonomisierung der Wirkung von Form und Farbe und dem Konzept der reinen Malerei Ausdruck gefunden haben, sind für sie nebensächlich. Im Blickpunkt ihres Interesses steht vielmehr gesamthaft, wie Realität im Bild erzeugt und vermittelt wird. Von besonderem Interesse zeigen sich daher für sie vergangene Epochen wie die Frühen Neuzeit oder die deutsche Romantik, deren Annäherungen an die Wirklichkeit sie in ungewohnter Form verarbeitet. Denn zugleich treten selbstbewußt die historischen Weggenossen und Gegenspieler ins Bild: die Printmedien, virtuelle Welten, das Markenzeichen. Dobashi lässt diese Welten aufeinanderprallen und zugleich ihre Konfrontation vergessen: alle Medien sind gleichberechtigt, jedes einzelne Versatzstück ist Ereignis.

Patricia Drück

 

Motoko Dobashi