motoko dobashi

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Text zur Einzelausstellung "The Outfielder" in der Galerie Lullin+Ferrari Zürich

Etienne Lullin
April 2009
Wir freuen uns sehr, Ihnen neue Arbeiten der japanischen Künstlerin Motoko Dobashi (geb. 1976 in Tokushima)
in ihrer ersten Ausstellung in Zürich vorstellen zu können. Dobashi studierte in den 1990er Jahren an der
Musashino Art University in Tokyo. Im Jahr 2000 siedelte sie nach München über und setzte ihr Studium an der
Akademie der Bildenden Künste fort, das sie 2007 als Meisterschülerin von Markus Oehlen abschloss.
Dobashi ist in zahlreichen Ausstellungen mit grossen Wandmalereien hervorgetreten. Unter anderem zeigte sie
ein imponierendes Kathedralgewölbe in der Gruppenausstellung Favoriten 08: Neue Kunst in München im
Kunstbau des Lenbachhaus. In Zürich verknüpft Dobashi Wandmalerei mit Zeichnungen und Gemälden.
Im ersten Raum der Galerie ist auf einer Wandmalerei eine Bergspitze zu erkennen, die von kleinen Wölkchen
umbraust wird. Die Wandmalerei gibt dem Publikum das Gefühl, auf dem Berg zu stehen und von einer
erhöhten Position hinunterzublicken. Das Thema der Wolken greift Dobashi im mittleren und hinteren
Galerieraum wieder auf und verklammert somit die verschiedenen Raumebenen miteinander. Dazwischen setzt
Dobashi feine Zeichnungen, eine Serie von Oelbildern und einen bemalten Wandschirm.
Der Titel der Ausstellung The Outfielder ist ein Begriff aus dem Baseball. Er bezeichnet die Spieler die
ausserhalb des eigentlichen Spielfeldes stehen und lediglich am Spiel teilnehmen, wenn ein Ball in ihr Feld
gelangt. Dobashi interessiert die Vorstellung von Figuren, die sich in einem Zwischenbereich zwischen
menschlicher Gesellschaft und Natur aufhalten. In ihren Bildern werden diese Figuren nicht direkt dargestellt,
sondern lediglich ihre Spuren wiedergegeben.
In der Kunst von Dobashi spiegelt sich ihr kultureller japanischer Hintergrund, aber auch ihre
Auseinandersetzung mit der europäischen Kunst wieder. In ihren Zeichnungen zitiert sie oft die kürzelhafte,
graphische Bildsprache japanischer Manga und Computer-Spiele. Die lineare, graphische Gestaltung mit der
fliessenden Linienführung sowie die Multiperspektivität verweist auf den traditionellen japanischen
Farbholzschnitt. Diese Elemente verbindet sie auf wunderbare Weise mit Motiven, die sie der Formenwelt
altdeutscher Meister wie Albrecht Dürer oder Albrecht Altdorfer entlehnt.
Mit sparsamen Mitteln kreiert Dobashi auf Papier und Leinwand fragile Welten. Oft sind ihre Arbeiten
monochrom, in blauen oder grauen Farbklängen gehalten. Der Gattung der Landschaft gilt ihr Hauptaugenmerk
– im romantischen Sinne erzeugt Dobashi in ihren real-fiktionalen Bildern Seelen-Landschaften, in denen sich
Begriffe wie Entfremdung, Einsamkeit und Natursehnsucht fassen lassen. In der magischen Zeichnung Laterne
schweben mehrere japanische Laternen vor einem blätterlosen Baum. Die Arbeit Burg verrät in der
Linienführung Dobashis Beschäftigung mit dem Holzschnitt der Dürerzeit. In den Zeichnungen Schutzzone,
Steinturm und Leuchtturm entwirft Dobashi fiktive, beinahe utopische, Architekturen. In Nest und Winterlounge
skizziert die Künstlerin erfundene Naturansichten. In den Gemälden der Serie Creatures of the Night sind erneut
Laternen zu erkennen. Für die Felsen benutzte Dobashi als Vorlage 3D-Animation. Die Gemälde vermitteln den
Betrachtern das Gefühl, sich auf einer nächtlichen Wanderung zu befinden.
Allen ihren Zeichnungen, Gemälden und Wandmalereien verleiht Motoko Dobashi einen eigenen Kosmos, der
das Publikum in seinen Bann zieht. Die Aesthetik von Dobashis Arbeiten stellt eine Synthese formaler und
motivischer Merkmale der japanischen und deutschen Kunst dar und reflektiert somit ihren vielseitigen
kulturellen Hintergrund.
 

Motoko Dobashi