motoko dobashi

Text

Text zur Einzelausstellung "Grass Pillow" in der Galerie Dina4 Projekte München

Dr. Susanna C. Ott
Juni 2007

Die japanische Künstlerin Motoko Dobashi (*1976) absolvierte zunächst ein Kunststudium an der Musashino Art University in Tokyo, bevor sie ab 2000 ihr Studium an der Münchner Akademie der Künste fortsetzte. Als Meisterschülerin von Markus Oehlen erwarb sie dort dieses Jahr ihr Diplom.
In großformatigen Wandarbeiten und Arbeiten auf Papier verbindet Dobashi Elemente aus den graphischen Künsten verschiedener Kulturen und Epochen. Dabei bezieht sie sich auf Quellen wie Kupferstiche der Renaissance, Street Art oder Mangas und kombiniert unterschiedliche Techniken wie Zeichnung, Malerei und Collage.
Für unsere Ausstellung hat Motoko Dobashi den rechten Galerieraum mit einer eigens auf die ungewöhnliche Raumsituation abgestimmten neuen Wandarbeit gestaltet. „Grass Pillow“ befasst sich mit der Thematik des Übernachtens in freier Natur und bezieht neben den Wänden auch die Decke und einen im Raum befindlichen Stützpfeiler mit ein. Im zweiten Galerieraum werden kleinformatige Arbeiten auf Papier zu sehen sein, die in den Jahren 2004 bis 2007 entstanden sind.
Motoko Dobashi entwirft monochrome Landschaften, die sich meist über zwei bis drei Wände erstrecken und räumliche Gegebenheiten wie Türöffnungen, Treppen oder Wandvorsprünge mit einbeziehen. Die Palette ist reduziert auf Schwarz, Weiß und einen speziellen Blauton, der zur Abschattierung und Flächengestaltung verwendet wird. Eine kontinuierliche Zentralperspektive wird nicht etabliert - vielmehr ist die Fläche in verschiedene Bildebenen gegliedert, die wie hintereinander geschichtet erscheinen und jeweils eine eigene Formensprache repräsentieren. So stehen graphisch gestaltete gegenständliche Elemente vor monochromen, aquarellartig lasierenden Hintergründen. Ornamentale Flächen treffen auf stilisierend gezeichnete Landschaftsfragmente. Verzahnt werden diese unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen durch collageartig aufgeklebte Papierlogos, die an die in der Street Art üblichen Logosticker erinnern und das Thema der jeweiligen Arbeit symbolhaft verdichten.
Obwohl in den Wandarbeiten verschiedene inkongruente Perspektiven vereint sind, wird durch die Staffelung der Bildebenen dennoch eine tiefenräumliche Illusion vermittelt. Dieser Eindruck wird verstärkt durch das für alle Wandarbeiten zentrale Motiv des Eingangs oder Eintritts, etwa die Darstellung einer Höhlenöffnung, auf die vom unteren Bildrand aus Treppenstufen oder ein Weg zuführen. Diese imaginären Eintrittspunkte für den Betrachter unterstützen die Wahrnehmung der Fläche als dreidimensionalen, naturalistischen Raum – eine Täuschung, die von der affirmativ artifiziellen Gestaltung der Bildfläche sogleich wieder gebrochen wird.
Dobashis Malerei stellt eine Synthese formaler und motivischer Charakteristika der japanischen und deutschen Kunst dar und spiegelt damit den bipolaren kulturellen Hintergrund der Künstlerin. So verweisen etwa die lineare, graphische Gestaltung mit der fließenden Linienführung und dem Verzicht auf Licht und Schatten sowie die Multiperspektivität auf den traditionellen japanischen Farbholzschnitt.
Im 19. Jahrhundert erlebte dieser durch Künstler wie Katsushika Hokusai und Hiroshige eine Blüte und fand auch in Europa Verbreitung. Die für den frühen japanischen Holzschnitt typische Monochromie hat sich bis heute in den aus ihm entwickelten Mangas erhalten. Aus dem Bereich der deutschen Kunstgeschichte zitiert Dobashi etwa die schon zu ihrer Entstehungszeit weit verbreiteten Holzschnitte und Kupferstiche Albrecht Dürers, denen sie konkrete Bildelemente, zum Beispiel Wolken, entnimmt. Das Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters und die Suggestion seines imaginären Eintritts in das Bild verweisen hingegen auf die Malerei der Romantik, namentlich auf die als Identifikationsangebot an den Betrachter fungierenden Rückenfiguren Caspar David Friedrichs.

 

Motoko Dobashi