motoko dobashi

Text

Text für Katalog zur Gruppenausstellung "Favoriten08" im Lenbachhaus München

Christoph Tannert
Juni 2008
Lebenslandschaften und Wohnhöhlen

Schon weil der Wald einem immer eine Kitsch-Diskussion aufzwingt hasse ich ihn. Diesen aufdringlichen Jardins-du-Monde-Duschgel-Harzgeruch, der einem die Sinne vernebelt, die Tannennadeln, die einem unters Hemd kriechen und das in ständiger blöder Brunft röhrende Rotwild, das nicht zufällig das beliebteste Symbol für die deutsche Geschmacksverirrung abgibt. Dazu die Jäger, die von ihren Hochsitzen aus auf friedliche Wanderer schießen – schon als Kind habe ich nicht begriffen, warum meine Eltern mich Sonntag für Sonntag durch diese grüne Hölle schleiften, auch wenn ich gar nichts angestellt hatte.
Lange Zeit war es peinlich, sich zum Wald-Kitsch zu bekennen. Die Anhänger einer lupenreinen Hochkultur ergriff Übelkeit beim Gedanken an Rotkäppchen und die Schwarzwald-Klinik. Die Zeiten sind vorbei. Der Kitsch der Vergangenheit, gern auch im naturmystischen Gothic Style oder ökologisch-folkloristisch verbrämt, hat die Museen und Bühnen der Gegenwart erobert.
Genau da, wo sich die Frage erhebt, warum Kitsch so weh tut und warum er wohl tut – beginnt die in Deutschland lebende Japanerin Motoko Dobashi mit ihren Wald-Idolatrien. Der Einfalt der Eindeutigkeit sind sie ein für alle Mal entzogen.
Leider haben sie sich rar gemacht, die Träumer und Fantasten, für die das Kino bisher ein Raum war, der sich vor allem mit den eigenen Privatmythologien füllen ließ. Einige von ihnen tauchen jetzt wieder auf im Bereich der Bildenden Kunst. Sie behandeln Papierbahnen, Zeichenblätter und Leinwand wie ein erweitertes Jugendzimmer. So entstehen seltsam stilisierte Lebenslandschaften und Wohnhöhlen mit verwunschenem Charme. Bei Motoko Dobashi können sie wahlweise die Gestalt eines raumgreifenden „Graskissens“ oder auch einer Traumbrücke über Grotten hinweg bis ins Außerweltliche annehmen. Das Spiel mit dem Sinn und um den Verstand beginnt hier.
Zusammengehalten werden diese real-fiktionalen Ausstattungswelten bei Motoko Dobashi durch eine schwarz-blau abgestimmte Farbgebung und eine reizende Melancholie, die mal federleicht, mal als Dürer-Zitat oder romantisches Womöglich daherkommt.
Motoko Dobashis Märchen über Einsamkeit und Entfremdung, Verstecken, Wellenbrechen und Ich-Finden suchen das Dazwischen. Sie sind Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Collage, unterlegt mit einem Teppich aus Recyclingmaterial, das den Mix der Kulturen zur Voraussetzung hat, sich gleichermaßen aus den Reservoirs von europäischer und japanischer Kunstgeschichte, Manga-Tradition und Street-Art bedient und phantasievoll das Gestern mit dem Heute verbindet. Avantgarde und Retro schwingen darin mit, Euphorie und Weltraumkühle, Seele und Software, die himmelstürmende Sehnsucht nach Neuem und die Angst vor den Folgeschäden. Zwischen Ästeknacken und spacigen Seltsamsounds lässt Motoko Dobashi ihre Liniengespinnste flirren und an Wandbildern weben, die etwas Rhizomatisches haben, das die Künstlerin in langen Prozessen des Tüftelns und Experimentierens zu ergründen sucht.
In gewisser Weise arbeitet die Künstlerin an Bühnenbildern, an Hintergründen eines Naturtheaters, um das Eigentliche, den Ausbruch aus dem seelischen Unterholz im Stolz des Aus-sich-heraus-Produzierens in den Vordergrund zu bringen.
In Verbindung mit ihrem weich fließenden Strich, der Verschwiegenheit zeichnet und das Unbestimmte anvisiert, findet Motoko Dobashi sich im Fernab und hat damit eine originelle und zugleich adäquate Form gefunden, mit den urbanen Realitäten umzugehen – oder sie sich einfach natursehnsüchtig und Kitsch verschleifend vom Hals zu schaffen.

Christoph Tannert
 

Motoko Dobashi