motoko dobashi

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Interview mit Sabine Mila Kunz für den Ausstellungskatalog "Fabulanten.Skitzländer. Wunderblöcke"

Sabine Mila Kunz
Mai 2013

Das Raumgefühl verändern

 

Was schätzt Du an der Zeichnung?

Bei der Papierzeichnung kann ich eine große Dichte erschaffen und eine Illusion. In Japan habe ich Ölmalerei studiert und dazu Skizzen angefertigt. Ich habe also immer gezeichnet. Trotzdem wähle ich immer die Technik, die am besten passt - das kann auch Lithographie sein. Mir geht es um Bilder - ob als Zeichnung, Collage oder Wandmalerei.

Was sind Deine Themen?

Thematisch dreht es sich bei meiner Arbeit um Natur und um menschliche Schöpfungen. Ich habe gerade eine Serie von Zeichnungen gemacht mit imaginären Monumenten. Ich zeichnete sie so, dass man glaubt, es gäbe sie wirklich - als hätte ich das Bauwerk vor mir gehabt. Eine solche Qualität reizt mich.

Was hast Du in Agathenburg gemacht?

Meine Wandarbeit besteht aus vielen Bögen Poster, die ich zurechtgeschnitten habe und dann die Einzelteile wie eine Tapete an die Wand klebte. Zwischen diesen Wänden aus Papierpostern gibt es eine offene Stelle, wo ich direkt auf die Mauer gemalt habe. Man sieht die einzelnen Pinselstriche und wie ich mich bewegt habe. Aus der Entfernung wirkt es sehr illusorisch, aus der Nähe sieht man einzelne Linien. Mit der Arbeit möchte ich das Gefühl für den Raum verändern.

Wie entstand die Idee Wolken zwischen die Papiertapeten zu malen?

Zuerst habe ich für Agathenburg Bäume konzipiert, die gleichzeitig wie Haare aussahen. Mich reizte der Widerspruch zwischen einer permanent sich verändernden Haarform und der relativen Festigkeit von Bäumen, die langsam über Jahre wachsen. Als ich dann im Ausstellungsraum stand, sah ich beim Blick aus den Fenstern sehr hochgewachsene Bäume. Solche jetzt an die Wand zu malen, schien mir eine zu einfache Verstärkung und Doppelung. Ich habe mich für Wolken entschieden, weil auch sie eine Form haben, die dauernd und schnell wechselt. Und gleichzeitig hatte ich die Vorstellung, dass sie wie Keramik aussehen sollten.

Die rahmenden Postertapeten, mit dem sich wiederholenden Motiv aus Origami, sollen provisorisch wirken - als sei das Gebäude aus Papier. Für mich ist alles, was man baut, vergänglich. Es sieht immer stabil aus, aber es könnte im nächsten Moment zerstört werden - etwa durch Naturgewalten. Unsere Häuser sind so wenig ewig wie wir.

Hat das Motiv des Instabilen mit deiner Herkunft zu tun - Japan als Erdbebengebiet ?

Ja wahrscheinlich. Gerade das letzte Erdbeben - wo meine künstlerischen Themen "Natur" und "vom Menschen geschaffene Werke" direkt tangiert waren - hat mich sehr betroffen und meine Arbeit verändert.

Wie verstehst Du die Origamiformen in Deiner Kunst?

Die japanische Kultur hat zwei Seiten.

Es gibt die Tradition der Hochkultur, wo man sich dauernd wiederholen und lernen muss, bevor man selbst etwas erfindet. Dazu gehört die Teezeremonie, das Kabuki- und das No-Theater.

Anders ist es mit Origami. Das hat sich sehr viel freier entwickelt. Da gibt es keine Regeln. Wahrscheinlich weil es "nur" als Kinderspiel betrachtet wird. Im Spielerischen steckt viel drin. Es ist hoch entwickelt und gleichzeitig unsinnig.

Inzwischen gibt es aber auch Mathematiker die mit Formeln aufzeigen, wie Origami funktioniert. Wenn man selber Origamis herstellt, merkt man wie mathematisch es gedacht ist: man muss überlegen wie man es faltet, umdreht, öffnet. Aus einem Blatt Papier lassen sich unendlich viele Formen entwickeln. Diese Kunst ist einerseits technisch, andererseits zart und fragil. Das gehört für mich zum Wesen alles Schöpferischen und eine ist Metapher für menschliche Kreativität.

Das Origamimotiv bekommt in der Reihung fast etwas Industrielles und steht im Kontrast zu deiner Handschrift in den gemalten Wolken

Das ist für mich kein Gegensatz, sondern kommt aus der gleichen Quelle. Über meine Posterwände ist es möglich in die imaginäre Welt der Wolken quasi einzusteigen.

Wächst man in Japan mit Origami auf?

Wir haben als Kinder viel damit gemacht und ich habe viel vergessen. Origami war immer da. Jedes Kind hatte andere Faltmethoden und wir haben stundenlang mit den unterschiedlichen Figuren gespielt. Wahrscheinlich beschäftigen sich die Kinder heute mit etwas ganz anderem. In meinen Tapeten sieht man typische Origamielemente, obwohl ich immer originelle Figuren erfinde. Ich baue absichtlich traditionelle Faltungen ein, damit man erkennt, wie es gemacht ist.

Kommt es für Dich in Frage mit dreidimensionalen Origamifiguren skulptural zu arbeiten?

Tatsächlich stehen in meinem Atelier viele gefaltete Arbeiten. Als Kunst möchte ich sie nicht direkt verwenden, weil ich eine stärkere Schwelle zwischen mir und dem Betrachter schätze. Das ist mit der Übersetzung meiner Bildvorstellungen auf Papiertapete besser möglich. So handhabe ich es auch mit der Farbe. Um eine gewisse Distanz und Verfremdung zu ermöglichen, verwende ich ausschließlich schwarz und weiss. Für das Publikum ist das eine größere geistige Herausforderung.

Was hast Du in Deutschland gelernt, das in Deine Arbeit einfließt?

Am meisten schätze ich, dass alle künstlerischen Medien die gleiche Bedeutsamkeit haben können. In Japan arbeitet man eher mit einer bestimmten Technik und wird dann schnell in eine Schublade gesteckt. Hier habe ich gelernt, dass ich verschiedene Mittel verwenden kann und Grenzen überschreiten, Hauptsache es passt zu meinem Thema. Besonders junge Künstler legen sich nicht auf ein Medium fest. Es scheint mir sogar etwas speziell deutsches zu sein. Als ich 2012 in den USA lebte, waren die Künstler dort stärker in Kategorien eingeteilt.

Wie gehst du damit um, dass die meisten Deiner Arbeiten nach Ausstellungsende nicht mehr existieren?

Ja, meine Wandarbeiten sind zeitlich begrenzt. Das hat einen großen Reiz. Es ist wie eine Theateraufführung, von der man weiß, dass sie nur heute stattfindet. Es ist einmalig und wenn du sie dir nicht anschaust, gibt es das Stück nicht mehr.

 

Motoko Dobashi